Tempo: Was hat ein Taschentuch mit Schnelligkeit zu tun? 

Ein zerknülltes Taschentuch

Egal, ob bei Hochzeiten, während der Heuschnupfenzeit oder im ganz gewöhnlichen Alltag – ein Tempo ist für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Die Marke ist zum Synonym für Taschentücher geworden. Aber was hat denn ein Papiertaschentuch mit Schnelligkeit zu tun? Das erfährst du hier.

Fragst du dich auch manchmal, woher Marken ihre Namen haben? Bei den meisten Brands handelt es sich einfach um ein Akronym, ein aus mehreren Worten zusammengesetztes Kurzwort. Das ist zum Beispiel bei Haribo oder Hanuta der Fall. Bei den Tempo Taschentüchern steckt aber ein anderer Grund dahinter, der sehr viel mit der Zeit zu tun hat, in der die Papiertaschentücher erfunden wurden. 

Tempo Taschentuch: Eine Innovation des 20. Jahrhunderts

Bevor es Papiertaschentücher gab, benutzten die Menschen überwiegend Stofftaschentücher. Die Brüder Oskar und Emil Rosenfelder machten es sich zur Aufgabe eine hygienischere Alternative zu entwickeln. Praktisch, dass die Geschwister Inhaber der vereinigten Papierwerke in Heroldsberg (bei Nürnberg) waren. Oskar und Emil Rosenfelder gründeten bereits 1906 die „Vereinigten Closetpapier-Fabriken“ und produzierten unter anderem Toilettenpapier und die heute noch bekannten Camelia-Damenbinden. 

Der Schritt vom Toilettenpapier zum Taschentuch war gar nicht mehr so weit. Schließlich hatten die Rosenfelder bereits alle Ressourcen vor Ort, die sie brauchten, um das von ihnen entwickelte Papiertaschentuch aus Zellstoff zu produzieren. Der Vorteil eines Einweg-Papiertaschentuchs lag auf der Hand: Papiertaschentücher können nach Gebrauch entsorgt werden, wodurch Bakterien und Keime eingedämmt und das Ansteckungsrisiko reduziert wurde. Diese Innovation entsprach dem Zeitgeist der 1920er Jahre, der von Modernität und Fortschritt geprägt war. 

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Tempo, Tempo! Der Zeitgeist inspirierte zum Markennamen

Der erwähnte Zeitgeist inspirierte die Gebrüder Rosenfelder auch zu dem Namen: Tempo. Die 1920er waren eine Ära, die von Schnelllebigkeit und Innovationen geprägt war. Der Name Tempo soll die Dynamik und Modernität dieser Zeit zu reflektieren. 

Das Papiertaschentuch war ein voller Erfolg. Schnell wurden die Tempo Taschentücher zum Marktführer. Auf tempo-world.com heißt es: 

„1935 wurden pro Jahr bereits 150 Mio. Tempo Taschentücher produziert, Ende der Dreißiger Jahre waren es sogar 400 Mio. Stück“

Der Schriftzug mit dem geschwungenen T und die Markenfarben Blau und Weiß sind übrigens bis heute nahezu unverändert. Ein Grund dafür, dass man die Taschentücher schnell wieder erkennt. In frühen Werbespots wurde bereits auf das klare Farbkonzept angespielt: 

Vertreibung: Tempo in Nazi-Hand 

Auch Tempo hat als in Deutschland gegründetes Unternehmen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bewegte Geschichte. Die Gebrüder Rosenfelder waren Juden und hatten in der NS-Zeit besonders unter der antisemitischen und faschistischen Regierung zu leiden. Die Kulturfreunde Heroldsberg beschreiben auf ihrer Website die Entwicklungen wie folgt: 

„Während des Dritten Reichs begann eine Hetzkampagne gegen die jüdischen Unternehmer, die daraufhin nach England emigrierten. 1935 wurde ihr Vermögen beschlagnahmt. Die Vereinigten Papierwerke wurden in der Folgezeit von Gustav Schickedanz, der 1927 das Kaufhaus Quelle gegründet hatte, vermutlich weit unter dem tatsächlichen Wert gekauft.“

Nach dem Krieg bekamen die Erben von Emil und Oskar Rosenfleder eine Entschädigungszahlung des Versandhausunternehmers Schickedanz, der sich während der NS-Zeit nicht nur alle Rechte von Tempo sicherte, sondern mit dem Unternehmen auch Millionen verdiente. 

Hej Sverige! Tempo gehört heute einem schwedischen Unternehmen 

Tempo blieb auch nach dem Krieg ein Teil des Unternehmens des früheren NSDAP-Mitglieds Schickedanz. Nachdem es 1994 dann an Procter & Gamble verkauft wurde übernahm 2007 der schwedische Konzern Svenska Cellulosa den Konzern für 512 Millionen Euro. Damit gehört auch die Marke Tempo dem schwedischen Unternehmen. Tempo ist mittlerweile aber nicht mehr als Marke geschützt, da sich die Marke mittlerweile zu einem Gattungsnamen entwickelt hat. Tempo ist also ein Deonym. 

Eigentlich müssten sich die Firmeninhaber doch darüber freuen, oder? In einem Spiegel-Artikel heißt es allerdings: 

„Der Hersteller von „Tempo“ mag es gar nicht, wenn billige Taschentücher als „Tempo“ bezeichnet werden. Er hat Angst vor der Verwässerung seiner Marke. Denn eine Marke genießt immer nur Schutz, solange sie zur Unterscheidung von Waren eines bestimmten Unternehmens dienen kann.“

Dass viele Menschen nach einem Tempo fragen, auch wenn sie einfach nur ein Taschentuch meinen, kann also auch eine negative Seite haben. So oder so: Wer hätte gedacht, dass sich hinter schnöden Taschentüchern so viele spannende Fun Facts verbergen.


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